Abgehetzt und komplett nassgeregnet mit dem Fahrrad am Anhalter Bahnhof in die natürlich schon überfüllte S-Bahn. Höre laut Albion. Als sich Doherty zum hymnischsten aller Refrains der Musikgeschichte hochschwingt, blicke ich auf einen Damenstiefel, der sich mit Wucht genau im Takt mitbewegt. Blicke langsam hoch, ein knielanger dunkler Rock, auch ein tropfendes Fahrrad, eine nassgeregnete Wolljacke, ein zartes Gesicht, ein großer, schwarzer Hut, der Blick rastet ein. Ich sah sie nie im Leben, aber sie grinst. Yorckstraße. Augenschauen, Wegschauen. Schöneberg. Augenschauen, Wegschauen. Friedenau. Abschiedsgrinsen. Ich steige aus. Sie steigt mit aus, wir schieben die Räder den Bahnsteig entlang, in den Fahrstuhl. Blicke, Blicke, Blicke, verdammt. Würde sie fragen, ob wir mal einen Kaffee trinken, ich würde verneinen und ihr statt dessen anbieten, wir könnten uns jetzt sofort küssen. Aber sie fragt nicht, ich frage nicht, unten angekommen pule ich die Ohrhörer raus und sage "tschüs", und sie sagt "schönen Abend noch" und ich sage "dir auch", ich kuck mich nochmal um, sie sich auch. Dann fahre ich durch den noch stärker gewordenen Regen über die grüne grüne Fußgängerampel an der Kaisereiche und komme offenbar einem Besoffenen dabei etwas zu nahe, denn er brüllt, "du Arsch, ich bring dich um!", aber ich bin seltsam imprägniert und stillfroh.
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